Lina läuft: In 6 Wochen zum Halbmarathon!

Lina läuft: In 6 Wochen zum Halbmarathon!

„Hab ich´s geschafft? Ich werd verrückt, ich hab´s tatsächlich geschafft“, denke ich bei mir, als ich in das Olympiastadion einlaufe. Der Himmel ist grau, es weht ein kalter Wind. Ich schwitze trotzdem wie blöd. Meine Knie wollen, dass ich endlich stehen bleibe. Ich tue ihnen den Gefallen, denn ich habe mein lang geheim gehaltenes Ziel erreicht: Meinen ersten (und vermutlich auch letzten) Halbmarathon lebend zu finishen, und zwar im schönen München.

12144694_438317799689676_6530314504005560453_nIch schaue an mir runter – wider Erwarten noch alles dran. Fühle mich ein bisschen wie einmal durchgekaut und wieder ausgespuckt, aber doch auch irgendwie…gut. Langsam realisiere ich, was gerade geschehen ist. Ich bin 21,09km gelaufen. Ohne Eispause, Fotostopp, Rucksack auf dem Rücken. Einfach nur am Stück gejoggt. Wow! Ich bin stolz auf mich und setze mein schönstes Gewinnerlächeln auf. So ähnlich scheint es auch den 22.000 anderen Läufern im Olympiastadion zu gehen, die zum Teil schon da sind. Ein paar erreichen auch erst nach mir die Ziellinie. Es liegt ein schweißiger Geruch in der Luft, aber die Spannung von der Strecke hat sich plötzlich aufgelöst.

Aber keine Angst, ich hänge jetzt nicht meine Wanderschuhe an den Nagel und werde zur Läuferin. Auf keinen Fall! Ich verbuche dieses Erlebnis als meine Art, aus meiner sportlichen Komfortzone hinauszutreten.

Das Streckenerlebnis auf dem 30. Münchner Marathon

Jetzt weiß ich auch, warum alle immer vorher Pasta essen: Man verliert einfach zu viele Kalorien und das schon vor dem Startschuss. Es geht mir ein bisschen wie vor dem ersten Schultag, ich weiß nicht was mich erwartet. Ich blicke dem Ereignis freudig erregt entgegen. Durch die ganze Nervosität im Vorfeld verliere ich gefühlt schon ein Kilo, denn ich bin schon drei Tage vorher schrecklich angespannt. Vielleicht auch, weil mich plötzlich alle fragen, ob ich denn fit sei. Ich habe zwar den 6-Wochen-Plan durchgehalten, fühle mich trotzdem plötzlich schlapp und müde. Am liebsten würde ich schwänzen. Als ich meine Startnummer abhole, verwerfe ich diesen Gedanken ganz schnell wieder, ab jetzt gibt es kein zurück mehr. Es wäre auch einfach unfair mir selbst gegenüber, 6 Wochen zu trainieren, um dann doch nicht anzutreten.

FullSizeRender (66)

Der Start ist im Münchner Norden, in einer Gegend, die mir bislang unbekannt ist. Und schon was gelernt. Der Start ist sehr holprig – fast schon nervig. Ich brauche 40 Minuten um aufs Klo zu gehen und meine Jacke abzugeben. Im Startblock stehe ich ziemlich weit hinten, es dauert ewig, bis die Sache endlich mal ins Rollen kommt.

FullSizeRender (62)Die ersten 3 km komme ich nicht in meinen Rhythmus, da ich die ganze Zeit nur Leute überhole. Das lenkt zwar ab, kostet aber auch Energie so im Zickzack zu laufen. Durch Haidhausen lichtet sich das Feld etwas, endlich läuft´s etwas systematischer für mich. Es läuft gut. Ein paar verirrte Passanten am Straßenrand jubeln uns zu, das find ich lustig. Es spornt auf jeden Fall sehr an.

Am Odeonsplatz und auf der Leopoldstraße ist dann schon mehr los. Mittlerweile haben wir Kilometer 13 passiert – mehr als die Hälfte und es läuft immer noch. Ich gönne mir einen kurzen Trinkstopp, so mit Getränk schnappen und im Laufen trinken. Das meiste landet auf meinem Shirt. Hmm, das üben wir dann wohl nochmal. Einige fangen an zu gehen. Ne, jetzt gehen, nachdem die Hälfte geschafft ist? Kommt nicht in Frage! Ich folge einem Mädel, das ein gutes Tempo vorgibt und außerdem dieselben Schuhe trägt wie ich. Sehr symphatisch. Die Strecke durch Schwabing ist zwar sehr schön, zieht sich aber auch. Mein Mantra „Ich bin eine Rennsemmel“ hat sich mittlerweile in „Renn du Semmel“ verkürzt. Aber es wirkt – ich habe keinen Moment das Bedürfnis stehen zu bleiben. Ich bin immer noch total fasziniert von meinen Mitläufern. Ob die das alle freiwillig machen? Oder Wetten verloren haben?

FullSizeRender (63)Während ich so sinniere, ich kann einfach nicht aufhören zu denken, kommt das Ziel immer näher. Kilometer 18. Ich überlege mir, ob ich nochmal Gas geben soll. Und entscheide mich dafür. Und schon sind sie zu sehen, die Ausläufer des Olympiaparks. Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich ziehe nochmal an. Der Einlauf durch das Marathonton ins Olympiastadion sorgt für Gänsehaut – hier werden plötzlich wieder alle munter, reißen die Arme hoch und jubeln. Dabei müssen wir noch eine Runde durch das Stadion laufen. So fühlen sich also die Profis. Wow. Und dann plötzlich: Geschafft. Ein netter Herr hängt mir die Medaille um, ich verschwinde im Menschenwirrwarr. Ich bin aufgedreht, aber fange auch sofort an zu frieren. Es ist einfach zu kalt.

Der Blick auf die Ergebnisse erfüllt mich mit Stolz, lässt mich aber auch aufschauen. Mein Plan waren 2:10. Geworden sind es 2:00:08. Mmmm, 8 Sekunden. Verdammt, die sehen nicht gut aus und ich bin nicht so kaputt, dass ich gleich umfalle.

Ich und Halbmarathon? Niemals! Warum auch?

Hätte mir vor ein paar Jahren jemand erzählt, dass ich mal einen Halbmarathon laufen werde, ich hätte ihn ausgelacht. Dennoch habe ich mich schon immer mal wieder gefragt, ob ich einen langen Lauf mal in Angriff nehmen sollte. Inspiriert zu dieser Frage haben mich insbesondere meine „Sause“-Freunde, die schon routinierte Langstreckenläufer sind. Zudem war ich sogar bei verschiedenen Laufveranstaltungen als Zuschauer und konnte die ganz besondere Stimmung einsaugen. Trotzdem fehlte bis vor kurzem die Motivation dazu und vor allem auch der Glaube daran, dass ich das überhaupt schaffen könnte. Wandern ist eben nicht Laufen.

FullSizeRender (65)

Wie kam es also dazu, dass ich jetzt doch angetreten bin? Nach meinem sportlichen Sommer – ich habe den Dolomitenhöhenweg Nr.4 und die Alpen via E5 überquert – kehrte ziemlich schnell der stressige Arbeitsalltag wieder ein. Nachdem ich in meinem Urlaub knapp 3 Wochen täglich auf den Beinen war und einfach nur die Natur spüren konnte, war davon schnell nichts mehr zu merken. Kein Platz mehr für Bewegung. Die Berge ganz weit weg, die aufgebaute Fitness auf dem Weg ins Jenseits, das Wetter an den Wochenenden schlecht. Ich brauchte ein neues, möglichst schnell zu erreichendes Outdoor-Sportziel, dass mich aus dem sich wieder anschleichenden bewegungsarmen Alltagstrott rausziehen sollte. Also entschied ich mich an einem verregneten Sonntag, dass es an der Zeit wäre, mich selbst zu challengen. Während ich diesen Entschluss fasste,  saß ich wie es sich gehört leicht aufgeregt mit Kaffee und Kuchen auf dem Sofa.

FullSizeRender (67)Schnell kramte ich mein verstaubtes Laufbuch aus der hintersten Schrankecke und fand sogar einen Plan für 6 Wochen. Mit 4 mal wöchentlich Training sollte man zumindest unter 2:15 bleiben. Das paßte alles, ich meldete mich zum 30. München Marathons an und begann gleich mit der ersten Einheit. Am Anfang des Trainings hatte ich noch die Hoffnung, dass ich Lauf- und Bergtraining kombiniere könne. Dem war allerdings nicht so. Die langen Läufe am Wochenende legten mich im wahrsten Sinne des Wortes lahm, das waren meine Füße nicht gewohnt. Ich lief mir Blasen, lernte, dass man vor Tempotraining besser kein Abendbrot ist und – dass man seine Wochenplanung etwas umstellen muss.

Und am Ende wird alles gut!

Eigentlich wollte ich das geheim halten, schließlich wusste ich ja nicht, ob ich wirklich antreten wollte. Dieses Vorhaben entpuppte sich aber als schier unmöglich. Meinen Alkoholverzicht während der Zeit hätte ich noch vertuschen können. Meine After-Work-Absagen erregten dann aber doch Misstrauen, so dass ich dann doch meinen Plan erzählte. Und zum Teil auf Unverständnis stieß: 4 Mal laufen sei doch nun wirklich übertrieben, ich solle das nicht so eng sehen. Ich ließ mich nicht abbringen, auch wenn es ein ziemliches Maß an Disziplin erforderte.

Am Ende hat sich die ganze Schinderei ausgezahlt. Denn seien wir ehrlich: Spätestens wenn die Zehe bluten, die Seiten stechen und man mal wieder klitschnass vom Regen ist, bleibt der Spaß dann doch auch auf der Strecke.

Doch ich hab mich durch kleine Rückschläge nicht beirren lassen. Ich hab´s geschafft, bin über mich hinausgewachsen. Der Zuspruch von Freunden, Kollegen und die sozialen Netzwerke hat mir sehr geholfen, bis zum Schluss durchzuhalten und an mich zu glauben. Das wird mir sicherlich auch in anderen Lebensbereichen neuen Schwung geben. Der Lauf hat mir gezeigt, wenn ich mir was vornehme, dann kann ich es auch schaffen.

Ob ich´s wieder tun werde? Hmm, ich schließe es zumindest nicht komplett aus. Ihr wisst ja, die 8 Sekunden haben doch irgendwie meinen Ehrgeiz geweckt.

Aber die letzten Herbstwochenenden werde ich erstmal wieder in meine geliebten Wanderstiefel schlüpfen.

2 Comments

  1. Sonya | soschy on tour

    Großartig, herzlichen Glückwunsch! In 6 Wochen zum Halbmarathon, nicht schlecht. Warst du vorher schon Laufen oder hast du in den Joggingschuhen bei Null angefangen?

    Reply

    • Karolin

      Danke Dir! Also das letzte Mal bin ich Anfang des Jahres gelaufen, im Sommer wars einfach zu heiß. Ein bisschen Vorerfahrung hatte ich daher schon und ein bisschen Grundkondition durch die Alpenüberquerung. Ich glaube ganz bei Null anzufangen und gleich einen Wettkampf zu starten bringt dann auch keinen Spaß. Das Training so war schon ziemlich herausfordernd. Aber das Gefühl danach ist toll 😀

Leave a Reply

*