Halbmarathon unter 2 Stunden – aber bitte mit Bergpanorama

Halbmarathon unter 2 Stunden – aber bitte mit Bergpanorama

„Warum macht man das eigentlich?“ Diese Frage stelle ich eher mir selbst, als wir an der Bushaltestelle in Salzburg sitzen und zwei Männer an uns vorbei humpeln. Offensichtlich haben diese Herren gerade den Marathon absolviert. „Ich laufe, weil ich gerne andere Welten kennen lerne“, antwortet Susi. Das klingt plausibel und irgendwie abenteuerlich schön. Nicht nach Wadenkrämpfen, Blasen, schwitzenden und prustenden Menschen und klebrigen Energiedrinks. Aber so ist die Realität eines Halbmarathon-Events nunmal. Das weiß ich so genau, weil es gerade eine Stunde her ist, dass wir selbst beim Halbmarathon in Salzburg angetreten sind. Meine platt gelaufenen Füße lassen mich dies keine Sekunde vergessen zu dem Zeitpunkt.

Unter 2 Stunden: Ziel setzen. Trainieren. Grenzen überschreiten. Umsetzen.

9dc47cee-ee1a-43cf-a9f7-a97b652f4777Während alle Welt von Entschleunigung spricht, habe ich mir vorgenommen, die Halbmarathondistanz unter 2 Stunden zu laufen. Zu Weihnachten dachte ich noch, dass das eine gute Idee wäre, um fit für die Bergsaison zu werden. Als ich gemeinsam mit der hoch motivierten Susi im zweiten Startblock in Salzburg stehe, zweifle ich an meinen Plänen. Und an mir selbst. Und überhaupt. Ich fühle mich müde, unwohl und habe immer noch einen Schnupfen. Ziemlich ungünstige Voraussetzungen um eine eigene Bestzeit zu laufen. Es ist kalt, ich denke an ein Buttercroissant während der Teilnehmer vor uns peinliche Aufwärmübungen macht.

Die Strecke an sich ist sehr schön. Sie führt sehr schnell aus Salzburg raus. Der weiche Waldboden ist sehr angenehm für die Füße, vor uns liegt tolles, von Wolken umzingeltes Bergpanorama. Berge – dieser Anblick läßt mein Herz lachen, auch wenn ich nur dran vorbeilaufe.

Die ersten 2 Kilometer laufen wir zusammen. Das Tempo ist sehr hoch, ständig überholt mich jemand. Susi rät mir, langsamer zu laufen, was ich dann auch tue. Ich konzentriere mich auf die schöne Umgebung, die Berge und versuche die am Rande pinkelnden Läufer zu ignorieren. Hallo – wir Mädels springen doch auch nicht einfach an den nächsten Baum!?

0ca10e93-016c-4840-8461-242e82b32539Bis Kilometer 12 läufts einigermaßen gut. Dann kommt er, der fiese Einbruch. Meine Beine werden schwer, meine Atmung kommt aus dem Rhythmus ich habe das Gefühl es geht gar nichts mehr. Ich fühle mich hundeelend, bin kurz davor aufzugeben. Meine Gedanken überschlagen sich – von „Gleich fällst du um“ über „Die 2 Stunden schaffst du so nie, dann kannste auch gleich aufhören“ bis hin zu „Jetzt hast du 6 Wochen hart trainiert, du kannst nicht aufgeben, du hast es fast geschafft“ ist alles dabei. Die Salzburg trohnt spöttisch auf ihrem Berg und scheint einfach nicht näher kommen zu wollen. Neben mir atmet auch ein Läufer schwer. Der schaut auch nicht so aus, als würde der das gut überstehen.

Die folgenden drei Kilometer sind die absolute Hölle für mich. Die Burg, an der wir gestartet sind, sieht man nur noch ganz klein am Horizont, was die Sache nicht einfacher macht. Ich kann mich nicht daran erinnern, schon einmal so ein Gefühlswirrwarr erlebt zu haben. Und ich bin durchaus emotionaler als ich manchmal zugeben möchte. Der Turnaround kommt an einer Verpflegungsstelle mit blauem Energydrink. Ich schnappe mir eines der künstlichen aussehenden Schlumpfengetränke, halte kurz inne, trinke es und – laufe einfach weiter. Ich denke nicht mehr, sondern laufe nur noch.

Kurz drauf erreichen wir wieder die Stadt. Es fängt an zur regnen. Ich denke, dass ich mich beeilen muss, damit Susi nicht solange auf mich warten muss. Das Läuferfeld um mich herum ist ganz schön ausgedünnt. Sind die alle schon da? Von weitem sehe ich schon die Zielbögen, Moment – es sind zwei. Jetzt bloß nicht noch verlaufen. Der linke ist für die Marathonis, die den ganzen Spaß nochmal laufen dürfen. Der rechte für uns.

7c86abb9-ccfb-41bc-a109-aadb9f7a3689Neben mir fängt ein Mann an seine Laufpartnerin mit Anfeuerungsrufen anzuschreien. Na, der hat ja noch Energie, die sich prompt auch auf mich überträgt. Und dann plötzlich ist es vorbei. Die ganze Anspannung, die Strapazen, der Lauf. Geschafft. Ich habe mein Ziel erreicht: 1:57:49. Ich hätte es nicht füt möglich gehalten, aber ich habe es tatsächlich geschafft.

Susi empfängt mich freudestrahlend und bereits mampfend im Ziel, sie wartet schon seit über 10 Minuten. Der Wahnsinn. Ich brauche noch etwas um mich zu sammeln und meine zitternden Beine zu beruhigen. Da der Regen stärker wird, gehen wir bald mit Cola und Kuchen bewaffnet zurück zur Pension.

Fazit – Grenzerfahrung Halbmarathon

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Es gibt Leute, für die ist diese Distanz ein Kinderspiel. Ich gehöre definitiv nicht dazu. Für manche Läufer ist diese Zeit eine Niedelage, für mich war sie mein größter Triumpf in meiner Läuferkarriere.

Ich habe bei diesem Lauf sowohl meine physischen und psychischen Grenzen überschritten. Mehrmals. Es waren trotz gewissenhaftem Training nicht die besten Voraussetzungen. Ich war gestresst und angeschlagen. Trotzdem hat es geklappt. Erst viel später realisiere ich, was ich hier erreicht habe und bin sehr stolz auf mich.

Wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich noch ganz andere Sachen, da bin ich mir sicher. Wie soll man denn auch seine Grenzen ausloten oder neu definieren, wenn man sie nie überschreitet? Es muss ja nicht gleich ein Marathon sein. Aber die Erfahrung raus der der Komfortzone zu treten kann einige Überraschungen bereithalten. Ich kann daher jeden dazu ermutigen, es einfach mal auszutesten, was in einem steckt. Meistens ist das doch mehr als man denkt. Just do it!

One Comment

  1. Dennis

    Hey Karo,

    meine Glückwünsche zum Lauf und deiner Leistung! Ich bin am vergangenen Wochenende selbst, zum vierten Mal, einen Halbmarathon gelaufen (http://www.abenteuersuechtig.de/index.php/scheitern-beim-laufen/) und habe ein ähnliches Gefühlschaos durchlebt, obwohl ich da normalerweise recht gelassen ran gehen kann.
    Aber du hast schon Recht, wenn du den HM erfolgreich in unter zwei Stunden gelaufen bist, dann schaffst du auch noch andere Sachen! Am End‘ sehen wir uns mal irgendwo bei einem Laufevent, das wäre doch mal was 🙂

    Viele Grüße
    Dennis

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