GR11 – Fernwanderung mit Hindernissen. Etappe 1: Aufstieg zum Cap de Llauset

GR11 – Fernwanderung mit Hindernissen. Etappe 1: Aufstieg zum Cap de Llauset

Ich habe mich ganz lange wie wahnsinnig auf diese Fernwanderung gefreut. Nachdem ich letztes Jahr beim Versuch den GR11 zu laufen gescheitert bin, sollte in diesem Jahr alles anders laufen. Kein Unfall, gutes Wetter, Wanderbuddy mit dabei. Alles schien perfekt vorbereitet zu sein, und dann kam doch das Leben dazwischen bzw. eher das Gegenteil. Ich musste mich vor Kurzem von einem geliebten Familienmitglied verabschieden. Meinem Kindheitshelden. Meinem Fels in der Brandung. So fühlt sich das also an, einfach nur krass beängstigend. Mein ganzes Weltbild steht seitdem Kopf, ich bin unendlich traurig, zweifele an allem, meinem Umfeld, mir selbst. Und als ob das nicht schon alles schlimm genug wäre: Ich hatte plötzlich irgendwie keine Lust mehr auf Berge, draußen sein oder zu irgendwas Anderem.

Pyrenaen_1_Aufblick

Dank der Unterstützung und dem Verständnis meiner Freundin bin ich dann trotzdem mit ihr gemeinsam in die Pyrenäen aufgebrochen. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Ob ich die Tour in meinem desolaten Zustand überhaupt packe. Die meiste Angst hatte ich davor, dass mir Berge nichts mehr bedeuten. Bis vor kurzem wäre das undenkbar für mich gewesen, aber jetzt musste ich mich auf alles gefasst machen. Neu ausloten, was noch zu mir passt und was vielleicht auch nicht mehr.

So ging´s dann also mit wie immer viel zu schwerem Rucksack und sehr gemischten Gefühlen los.

Etappe 1 GR 11 – Von Benasque zum Cap de Llauset

Die Anreise in das hochalpine Gelände des GR11 ist zwar umständlich aber durchaus machbar. Von Barcelona fahren Pyrenaen_1_Flusstäglich Überlandbusse. Wir fahren zunächst nach Barbastro, nutzen unseren Aufenthalt für ein erstes ausgiebiges gemeinsames Mahl in der Mittagshitze und fahren dann weiter in Richtung Benasque. Hier ereilt mich ein deja-vu, denn meine Tour endete hier zwangsweise letztes Jahr. Übernachtet und angestoßen wird im beschaulichen Vorort Sahun.

Zum Glück lesen wir am Vorabend noch das Kleingedruckte im Reiseführer – wir können die Mördertour von eigentlich 1.700 Höhenmeter Anstieg um beeindruckende 400 Höhenmeter verkürzen, indem wir einen Bus nehmen. Dieser bringt uns über eine Schotterpiste ein Stück in den Odessa Nationalpark. Die Idee hatten auch andere, der Bus ist gerammelt voll, im Nationalpark verteilt es sich aber schnell.

Es dauert nicht lange und wir sind ganz allein, umgeben von Stille, dem Morgentau und den ersten zaghaften Sonnenstrahlen, die sich durchs Dickicht kämpfen. Um uns herum die ersten schroffen Gipfel. Der Weg wird schnell sehr uneben, was mich schneller als befürchtet ins Schwitzen bringt. Puh, ob ich es überhaupt zur auf 2.500m gelegenen Hütte schaffe ist zu dem Zeitpunkt noch sehr fraglich.

Nach nur wenigen Metern bekommt Silvi Hunger. Wir packen unsere ersten Boccadillos aus und machen Rast. So kommen wir nie an, denke ich mir und schieße meine ersten Fotos. Insgeheim bin ich ganz froh über eine kurze Rast, meine konditionelle Verfassung ist nicht die Beste, jetzt ist es ganz offiziell. Noch ist es ziemlich grün um uns herum, das ändert sich aber ziemlich schnell, als wir den Bachlauf über einer nicht sehr vertrauenserweckenden Brücke überqueren. Blumen und Gras müssen Geröll und größeren Felsbrocken weichen.

Pyrenaen_1_Blick ins Tal

Wir schrauben uns auf schmalem Pfad langsam höher, bis wir einen ersten Vorsprung erreichen, der uns einen wunderbaren Blick auf das zurückliegende Tal gewährt. Wunderschön! Wir beschließen eine weitere Rast gleich hinter dem nächsten Vorsprung zu machen, nicht wissend, dass uns da der blaueste Bergsee erwartet, den ich bis dato gesehen habe. Hier läßt sich wirklich verweilen. Ich möchte am liebsten gar nicht so schnell weiterlaufen, aber wie haben immer noch nicht den höchsten Punkt der Tour erreicht, obwohl der Nachmittag bereits angebrochen ist.

Pyrenaen_1_Ibones de Balibera

Nach dem wunderbaren Bergsee auf der Hochebene Ibones de Ballibierna geht es zwar geländetechnisch bergauf, emotional allerdings rapide bergab, zumindest bei mir. Wir bewegen uns von einem Felsbrocken zum nächsten, müssen ganz genau auf jeden Schritt achten, immer auf der Suche nach festem Halt. Und nebenbei dann auch noch Höhenmeter hinter uns bringen. Das ging früher irgendwie einfacher. Silvi fällt es offensichtlich leichter, mir raubt diese Tortur die letzten Kraftreserven. Ich muss sogar meine Kamera einpacken, an Fotos schießen ist nicht mehr zu denken.

Pyrenaeen_1_Gelaende

So langsam sehen wir auch, wohin uns die Markierungen (von Weg kann man wirklich nicht mehr reden) bringen. Zum Glück ist es irgendwann überschaubar. Freuen kann ich mich nicht wirklich, als wir den höchsten Punkt auf knapp 2.800m erreicht haben.

Ich bin erstmal eine Runde fertig mit der Welt, setze mich auf harte Grasbüschel (irgendwie ist selbst das Gras hier tougher) und beobachte die geröllige Mondlandschaft, die sich vor mir erstreckt. Wir sind in den Pyrenäen. Dem Himmel und allen, die uns von dort beobachten, ein Stückchen näher. Heimlich verdrücke ich ein paar Tränen, werde aber schnell aus meiner Melancholie gerissen, als Silvi endlich die frohe Botschaft erhält, auf die sie schon seit gestern wartet: Meine Freundin ist jetzt „Tante“ Silvi 🙂

Außen pfui, innen hui. Voralpen-Hüttenromantik = Fehlanzeige.

Pyrenaen_1_Cap de Llauset_Huette

Die Hütte am Cap de Llauset sieht von weitem aus, wie eine zu heiß gewaschene Blechschachtel mit Baugerüst davor. Das spricht mich so gar nicht an. Je näher wir kommen, desto klarer wird dieses Bild – sie erweitern besagte Blechschachtel und erreichten einen Anbau, der mindestens genauso groß wird. Fraglich ist nur das Datum der Fertigstellung. Ich freue mich derweil riesig auf meine wohlverdiente Fanta und hoffe insgeheim, das man sich ein Zelt ausleihen kann. Biwakieren auf dieser Höhe erscheint mir doch nicht mehr ganz so clever zu sein.

Ich für meinen Teil bin ziemlich fertig, als wir endlich ankommen. Die Tour, die eigentlich nur mit drei Stunden veranschlagt war, hat uns über fünf Stunden gekostet. Der Abstieg ist fast genauso schlimm wie der Aufstieg. Ob das jetzt jeden Tag so wird? Es ist eben etwas anderes, ob man über einen Wald- und Wiesen-Weg flaniert oder seinen schweren Rucksack über schroffes unebenes Gelände balancieren muss. Ich schiebe meine Zweifel, die beim Gedanken auf die folgenden Tourenabschnitte aufkommen, beiseite und freue mich über eine Dusche (eiskalt ist die), meine Fanta und ein KitKat (eines süßer als das andere, yeahh) und: über unser Zelt.

Zum Glück können wir tatsächlich eines ausleihen. Beim Betreten der Hütte finde ich es fast schade, dass wir keinen Platz mehr bekommen haben. Das Interieur ist sehr urig und offensichtlich auch noch recht neu, geräumiger als gedacht und doch so etwas wie heimelig. Das haben sich auch die 20 Franzosen, die nach uns angekommen sind, gedacht und sich erstmal einen Wein eingeschenkt.

Pyrenaen_1_Zeltplatz

Ein Platz zum Aufstellen unseres Zeltes ist schnell gefunden. Eine grüne Wiese mit Blick auf die benachbarte Berggruppe und ins Tal soll es sein. Etwas abgeschirmt von den lärmenden Touris auf der Hütte. Nachdem wir unser neues Heim halbwegs windgeschützt inmitten dieser Idylle platziert haben, machen wir uns warm angezogen mit Fleecemütze und Daunenjacke auf den Weg zum See. Wir sind die ersten.

Pyrenaen_1_Fuesse

Ich hänge meine Füße ins kühle Nass. So ganz kann ich noch nicht glauben, das ich wirklich wieder on Tour bin. Nach gefühlten drei Sekunden rette ich meine Treter, die in Windeseile zu Eisklumpen geworden sind, wieder auf die Wiese. Gefühlte Wassertemperatur: -5 Grad. Da spring ich sicher nicht ganz rein, auch wenn das sicher straffende Wirkung hätte. Während ich argwöhnisch die leicht bläuliche Färbung meiner Füße begutachte, ruft Silvi plötzlich ich soll mich mal ganz langsam umdrehen.

Pyrenaen_1_Wieselman

Oh nein, denke ich. Da steht bestimmt ein Bär. Ich drehe mich langsam um und sehe, das uns tatsächlich ein Felltier, versteckt hinter einem Stein, beobachtet. Allerdings ist es zum Glück etwas kleiner als ein Bär. Es ist ein freches Wiesel, was offensichtlich Gefallen an uns gefunden hat. Wir taufen es auf den kreativen Namen „Wieselman“. Es bleibt eine Weile bei uns, bis es dann fast über die Felsen am Wasser den Berg hinauffliegt, so schnell ist es. Ob wir nach ein paar Tagen auch so schnell und elegant über die Pyrenäen schweben, frage ich mich und muss bei der Vorstellung etwas schmunzeln.

Abendessen deluxe und Franzosen in Aufruhr

Um 19.30 Uhr gibt es Abendessen, kurz nach dem Dunkelwerden geht‘s ab ins Zelt. Der Tagesrhythmus in den Bergen folgt einer ganz eigenen Logik. Wie immer finde ich das am Anfang etwas befremdlich, obwohl ich nach der Tagestour hundemüde bin. Das Abendessen ist der absolute Wahnsinn, 4 Gänge, so wie es auf den spanischen Hütten üblich ist. Wir haben Glück und bekommen ein vegetarisches Menü mit überbackenden Auberginen als Hauptgang. Der nette Koch scheint uns schnell ins Herz geschlossen zu haben und plappert uns munter auf ziemlich gutem Deutsch an. Wir sitzen mit einem deutschen Pärchen am Tisch, beide sind sehr braungebrannt und schon seit 2 Wochen wandernd unterwegs. Allerdings gehen sie entgegengesetzt zu uns und schwärmen uns von den nächsten Etappen vor. Das wir heute das mit Abstand beste Mahl bekommen, wissen wir nun auch.

Plötzlich springen die anwesenden Franzosen entzückt auf und quetschen sich an die Fensterfront um einen Blick nach draußen zu erhaschen. Der Lärmpegel wird immer größer. Wie sich herausstellt, haben sie unseren Wieselman entdeckt, der fröhlich vor der Hütte herumflitzt. Ich suche meine Nahaufnahme vom See und werde als Naturfotograf gefeiert. Zumindest feiere ich mich selbst :-), und der Koch freut sich, da er den kleinen Kerl auch noch nicht so dicht gesehen hat.

Pyrenaen_1_Zeltausblick

Der Morgen danach

Die Nacht im Zelt ist stürmisch. Ich friere trotz doppelter Lage an Isomatten und dickem Schlafsack samt Inlet. Meine Träume sind wirr, traurig und sehr realistisch. Es scheint fast so, als würde mein Unterbewusstsein in der Höhe noch viel stärker verarbeiten als im normalen Umfeld. Ich wache nach unruhigem Schlaf als erste auf, krabbele aus dem Zelt und setze mich mit einem Kaffee auf die Terrasse.

Pyrenaen_1_Cap de Llauset_Ankunft

Die Morgenstimmung ist wunderschön beruhigend. Auf den Bänken glitzert der Raureif, es war also tatsächlich sehr kalt. Ich bemerke meine schmerzenden Glieder, freue mich aber dennoch irgendwie auf den bevorstehenden Tag. Ich bin mir ziemlich sicher, das es ein guter Tag wird.

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