GR11 – Etappe 2: Der lange Gang nach Conangles

GR11 – Etappe 2: Der lange Gang nach Conangles

Wir sind frohen Mutes, als wir an der Hütte Cap de Llauset unseren Kaffee genießen. Der Muskelkater erinnert uns zwar daran, dass wir erst eine Etappe auf dem GR11 in den Pyrenäen geschafft haben und noch nicht so ganz im Wanderflow angekommen sind. Aber das gehört schließlich dazu. Am ersten Tag frage ich mich sowieso immer, warum ich eigentlich keinen Wellness-Urlaub mache. Spätestens auf dem ersten Gipfel liegt mir die Antwort dann aber quasi zu Füßen.

Laut Reiseführer haben wir eine 5-stündige Wanderung vor uns und den ganzen Tag Zeit dafür. Daher trödeln wir ein bisschen, lassen uns Zeit beim Zeltabbau und Fotos schießen. Der nette Koch des Refugios ist sichtlich irritiert über unsere Langsamkeit, sind wir doch mit großem Abstand die letzten auf der Hüttenterrasse.

Short Facts: Cap de Llauset nach Refugio Conangles. 200hm hoch, 1100m runter. 5h (eigentlich 8-9h)

Selfietime.GR11Die Tour beginnt mit einem Mini-Aufstieg von 200 Höhenmetern zum Coll d´Anglios auf 2.440m. Im Vergleich zum Vortag ist das quasi gar nichts. Auch das Gelände ist etwas gnädiger mit uns. Diese Wanderung fällt mir zumindest etwas leichter. Oben angekommen, ist erstmal Selfie-Time. Ein schönes Ritual, was wir uns die ganze Tour über immer zum Anfang des Tages bewahren (da sehen wir einfach noch frisch und fit aus). Wir werfen einen Blick zurück und sehen den dunkelblauen Lac de Llauset in der Senke liegen. Auch der Ausblick nach vorne bietet uns blaue Seen inmitten der schroffen, kargen Gebirgslandschaft. Dass wir an so vielen Hochgebirgsseen vorbeikommen, war mir bei der Tourenplanung gar nicht bewusst. Als Zwischenziele und Fotolocations sind sie jedenfalls bestens geeignet.

Abstieg zur idyllischen Gebirgsoase Estany Cap d’Anglios. Bergdackel und Holzhütte inklusive.

Auf dem Weg nach Conangles

Der anstehende Abstieg flößt mir gehörigen Respekt ein. Prinzipiell mag ich Abstiege nicht, schon gar nicht auf schwierigem Gelände. Ich gehe lieber bergauf, voller Vorfreude auf den Ausblick. Nach einem Abstieg ist man halt wieder unten und wenn es ganz blöd läuft schmerzen die Knie auch noch. Wenn es nach mir ginge, könnte es also den ganzen Tag bergauf gehen. Leider geht es aber nunmal nicht immer nach mir.

Ähnlich wie am Vortag ist der Weg auch eher spärlich vorhanden und gerade im ersten Abstieg seeeehr steil. Dennoch kommen wir zumindest gefühlt recht schnell voran, Silvi erreicht als erste den See mit dem lyrischen Namen Estany de L’Ubaga. Aber auch ich bin mit meinem Tempo recht zufrieden. Mittlerweile scheint uns die Mittags-Sonne ordentlich ins Gesicht.

Seeumrungdung 2. GR11

Ich habe ständig das Gefühl mich eincremen zu müssen, was ich auch öfter als sonst mache. Ich habe eine Sonnencreme, die als Sportvariante verkauft wird. Auch wenn es vermutlich einfach nur eine gute Marketingidee ist, mir gefällt sie. Sie riecht gut und ich bilde mir ein, dass sie auch schneller als normale Sonnencremes einzieht, und weniger klebt. Nach unserer zweiten Eincremesession müssen wir den See umrunden. Der Weg ist nun völlig verschwunden, wir hangeln uns wieder von Felsbrocken zu Felsbrocken.

Die Ruhe vor dem Abstiegssturm

Guene Hochoase.GR11

Vor uns liegt eine lang gestreckte Hochebene. Sie ist das genaue Gegenteil vom schroffen, kargen Gelände des Vortages und gleicht einer grünen Oase mit sanften Hügeln. Paradiesisch begleitet uns das Plätschern des kleinen Baches bis zum Refugio d‘Anglios. Wobei die Bezeichnung „Refugio“ in meinen Augen etwas übertrieben ist. Es handelt sich um eine Mini-Holzhütte, die notdürftig vor Wind und Wetter schützt. Aber wenn man abends den Sonnenuntergang beobachtet, dann ist es sicher wild-romantisch.

Um diese Szenerie möglichst vollständig in uns einzusaugen, machen wir am See hinter der Hütte kurz Siesta. Als wir einen Blick in unsere Tourenbeschreibung werfen, verlässt uns allerdings die Ruhe. Es ist schon Mittags und wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Abstieges geschafft. Irgendwie überkommt mich das Gefühl, das der restliche Tag nicht sonderlich erholsam werden wird. Und ich soll leider Recht behalten.

Der laaaaange Gang nach Conangles

Das gute am Anfang einer mehrtägigen Wanderung ist, dass man die Höhenmeter nicht realistisch einschätzen kann. 1.100 Meter Abstieg – so what. Kein Problem für Berghasen wie uns. Nach einer erneuten Eincreme-Session am See auf der Hochebene, machen wir uns auf den Weg. Es ist tatsächlich ein richtiger Weg. Hier und da ein paar Steine und Wurzeln, aber hey, da sind wir bisher weitaus Schlimmeres gewohnt hier in den Pyrenäen. Nach ein paar kurzen Geröllfeldern verschwindet der Weg bald im dunklen Wald. Adios schönes Panorama, adios Sonnenschein.

Start des langen Abstiegs nach Conangles.GR11

Nach einer Stunde strammen Gehens kommt mir zum ersten Mal die kindliche Frage „sind wir bald da?“ in den Sinn. Aber ich sage lieber nichts. Wir haben gerade unseren Flow, Silvi eilt traditionell bei Abstiegen voraus, wir kommen gefühlt gut voran. Ich konzentriere mich ganz auf den Weg, aufpassen muss man schon bei den vielen Stolperfallen. Aber es ist doch einiges angenehmer als der Abstieg zum Cap de Llauset.

Nach einer weiteren Stunde schnellen Gehens fangen meine Füße an wehzutun. Ich habe Lust auf ein Päuschen. Auch Silvi wird langsam unruhig. In der Beschreibung standen 2h für den Abstieg. Ich rechne großzügig eine halbe Stunde drauf. Aber irgendwie ist das Ziel noch immer nicht in Sichtweite. Doch, aber es fühlt sich so an, als hätten wir jetzt nur noch knapp 100 Höhenmeter Abstieg vor uns. Unsere Pause fällt in Anbetracht des nahenden Endspurts kurz aus.

Wir laufen ca. eine halbe Stunde weiter. Immer noch geht es über Wurzeln und herabgestürzte Felsbrocken, also ist weiterhin Konzentration gefordert. Ich stelle mir vor, wie wir endlich an einer urigen Hütten, umzäunt von grünem Dickicht ankommen und das für Spanien übliche 3-Gänge-Menü bekommen. Tagträume bzw. Visualisierungen vom Ziel motivieren ungemein.

Es sei denn, man erreicht plötzlich einen Wegweiser (hurra, Zivilisation), auf dem steht, dass es noch 1,5h sind. In Worten – einskommafünf. Unsere Gesichter entgleisen. Das darf doch nicht wahr sein. WIE LANG ZUR HÖLLE KANN EIN ABSTIEG SEIN. Irgendwie ist das eine totale Fehlkalkulation unseres Reiseführers. Oder gnadenlose Selbstüberschätzung unsererseits. Die Realität liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Endspurt zu Conangles. GR11. jpeg

Aber nützt ja nix. Ich versuche mir das Ganze irgendwie schönzudenken. Auf der Karte ist am vor uns liegenden See auch eine Hütte eingezeichnet. Wir wählen dies als nächstes Etappenziel aus und erzählen uns, was wir uns gönnen werden. Bei mir soll es der traditionelle Kaffee und was Süßes werden. Irgendwann erreichen wir eine asphaltierte Straße, die um den Stausee herumführt. In meiner Vorstellung war das irgendwie idyllischer, aber ich freue mich dennoch auf den baldigen Kaffee.

Wir laufen ein Stück der Straße entlang, um dann recht schnell auf den Schotterweg zu gelangen, der über den Zufluss des Stausees führt. Moment, an dieser Stelle war die Kaffee-Hütte eingezeichnet. Aber weit und breit keine Hütte zu sehen. Silvi analysiert die Situation messerscharf: „Das ist ein Brückenpfeiler mit Dach und keine Hütte.“ Meine Kaffeeträume zerplatzen von einer Sekunde auf die andere. Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll.

Immerhin steigen wir jetzt nicht mehr ab und sind definitiv nicht mehr weit vom Ziel entfernt. Der Weg zieht sich auch nur noch eine halbe Stunde, ich bin völlig am Ende. Meine Füße wollen nicht mehr, und der Rest von mir auch nicht.

Nächtlicher Besuch in Conangles

Refugi Conangles. GR11

Völlig erledigt kommen wir am Refugio an und genehmigen uns erstmal den mehrfach visualisierten Kaffee samt Fanta. Das Refugio Conangles ist zumindest wirklich sehr urig und schön, fast wie in meiner Vorstellung. Während wir vor der Hütte sitzen und über den Tag reflektieren, begehen wir leider einen großen Fehler. Wir haben die ankommende Horde Franzosen nicht gesehen und schaffen es nicht mehr, vorher zu duschen. Natürlich gibt es nur 2 Duschen und wirklich alle wollen intensive Körperpflege betreiben. Mit der Ruhe ist es auch vorbei. Irgendwie schnattern die Franzosen unentwegt. Da ich noch nicht mal verstehe, was sie reden, stört mich das irgendwie.

Wir verlassen so schnell wie möglich das Abendessen, welches wieder reichlich ausfällt und mich alsbald in ein wohliges Fresskoma versetzt. Immerhin haben wir uns 2 separate Pritschen in einem 5-Bett-Zimmer gesichert und hoffen darauf, einzuschlafen bevor unsere Zimmermitbewohnerinnen erscheinen. Das gelingt uns auch.

Allerdings werde ich nachts durch ein ziemlich kräftiges Getrappel wach. Über meinem Kopf und an meinem Kopfende. Ich muss kurz überlegen, wo ich bin, da erinnere ich mich plötzlich an meine Umgebung. Das Refugio Conangles – urig und schön. Mit Holzdach, Holzboden und jeder Menge Holzbalken. Das gefällt nicht nur den Wandersleuten sondern auch den Bewohnern des Waldes. A mouse is in da house. Meine Nackenhaare stellen sich bei dem Gedanken auf, dass mehrere Mäuse in unmittelbarer Nähe meines Kopfes Siesta machen. Puh. Meine Naturverbundenheit kennt dann gerade an dieser Stelle doch ihre Grenzen.

 

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